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Zwischen Institution und Familie - Abschlussveranstaltung in Kassel


v.l.: Dr. Christian Peter, Prof. Dr. Manfred Kappeler,Prof. Dr. Werner Thole, Prof. Dr. Theresia Höynck, Dr. Daniela Reimer

Sind wir noch eine Institution oder schon eine Familie? Die Grenzen bei der Arbeit als Pädagogin oder Pädagoge in Familienanalogen Angeboten sind fließend. Umso wichtiger ist es, dieses Praxisfeld und die Spannungen, die sich aus dem Konflikt zwischen konstruierter familiärer Nähe und professioneller Distanz ergeben, wissenschaftlich zu untersuchen und Chancen sowie Risiken aufzudecken.

In drei Jahren Arbeit öffneten zwölf familienanaloge Einrichtungen und vier Wohngruppen der Outlaw gGmbH und anderer Träger den Wissenschaftler*innen der Universität Kassel ihre Türen und machten ihre Arbeit vollständig transparent. Nun liegen die Ergebnisse der Studie "Zwischen Institution und Familie - Muster des Deutens und Handelns im Rahmen stationärer Unterbringung in familienähnlichen Betreuungsformen“ vor, die am 25. November den ca. 50 Interessierten aus Wissenschaft und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe in den Räumlichkeiten der Uni Kassel vorgestellt und diskutiert wurden.

Die Studie beschreibt sehr genau die Vielfalt der familienanalogen Betreuungsformen und deren unterschiedliche Lebensweise und Alltagsgestaltung sowie das dem Familienleben ähnliche tägliche, allumfassende „Sorgen“ für die Kinder. In dieser Hinsicht haben sie viel mit „normalen“ Familien gemeinsam: Jedes Angebot ist anders und lebt den individuellen Alltag. Auch das Zusammenspiel von Nähe und Distanz ist unterschiedlich, wobei in jeder Einrichtung in verschiedenen Situationen die Frage mitschwingt: Wie viel Familie dürfen wir sein und wie weit müssen wir dabei professionell als Institution agieren?

Ein weiteres Hauptaugenmerk der Untersuchungen lag auf  dem Schutz der Kinder, wie in einer Stellungnahme von Bernd Hemker, Geschäftsführer der Ombudschaft und Fachreferent für Erziehungshilfen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW zum Projekt deutlich wird: „Abgeschottete professionelle Familiensysteme im Rahmen institutioneller Erziehung mit wenig strukturierter Leitung können unter machtstrukturellen Gesichtspunkten ein Risiko für die betreuten jungen Menschen beinhalten."
Dazu ergänzt Projektleiter Marco Matthes von Outlaw: „Das Thema „Macht“ in familenanalogen Wohnformen hat uns im Laufe des Projektes immer wieder begleitet. Einige Ergebnisse hierzu wurden bereits auf dem Bundeskongress Soziale Arbeit 2015 unter der Überschrift „Normsetzungen der Beherrschten – Wie Betreute in stationären Erziehungshilfesettings die Betreuenden sanktionieren“ ausführlich vorgestellt. Auch der Vergleich mit anderen Betreuungsformen und deren unterschiedliche Wirksamkeit sollen Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit der Familienanalogen Angebote als besondere Form der Hilfen zur Erziehung zulassen.  

Das Projekt wurde aus einer Förderung der Aktion Mensch, sowie aus Eigenmitteln der Outlaw gGmbH finanziert. "Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch an die Familienanalogen Angebote, die unter unserer Trägerschaft arbeiten", so Marco Matthes. "Mit dem Beitrag zur Forschung hilft Outlaw, diese Betreuungsform qualitativ weiterzuentwickeln sowie den Schutz und die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sicherzustellen. Außerdem bringen wir den Pädagoginnen und Pädagogen, die tagtäglich aufs Neue ihre Kraft und ihren Einsatz einbringen eine Wertschätzung ihrer Leistung entgegen.“

Das Forschungsprojekt hat einen dunklen Fleck auf der Landkarte der sozialpädagogischen Forschung erhellt: Viele positive Auswirkungen, die die Unterbringung in familienanalogen Angeboten auf die Kinder und Jugendlichen hat und die schon seit längerer Zeit nur vermutet wurden, sind nun empirisch belegt. Auch Fallstricke und Herausforderungen in der familienanalogen Arbeit sind klar benannt und analysiert worden. Alle Ergebnisse müssen nun übergreifend und in den einzelnen Einrichtungen kommuniziert werden und bieten eine Art Leitfaden und Hilfe für die Pädagoginnen und Pädagogen in der Alltagspraxis.

In einem Gutachten hat das Landesjugendamt Westfalen (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) folgende Erwartung an das Projekt formuliert: „Die Absicht hier im Vergleich zu anderen Betreuungsformen zu forschen und die aus der Forschung gewonnenen Ergebnisse den pädagogischen Praktikern […] zu vermitteln wird die tägliche Arbeit in der stationären Erziehungshilfe bereichern und im Hilfeplanverfahren die Entscheidungsfindung im Einzelfall erleichtern.“

„Ich bin mir sicher, dass das Projekt diese Erwartung in jeder Hinsicht erfüllt.“ betont Marco Matthes.

Weitere Informationen zum Projekt unter: www.projekt-zif.de