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Familienleben professionell - den Alltag zum Beruf machen: Über die Arbeit in einer Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft


Ein ganz normaler Tag bei Familie Haller: Die Kinder gehen zur Schule, danach gibt es Essen, dann eine Runde in den Garten zum Toben bevor Hausaufgaben und Nachmittagsgestaltung auf dem Programm stehen. Alltag wie bei vielen anderen Familien auch. Doch bei den Hallers ist etwas anders. Die Kinderbetreuung und vor allem -erziehung ist gleichzeitig der Beruf des Paares. Zwei der fünf Kinder, die bei ihnen leben, sind weder ihre Leiblichen, noch haben sie sie adoptiert. Andreas Haller betreibt als Pädagoge eine Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft, seine Frau macht eine praxisintegrierte Ausbildung zur Erzieherin und unterstützt ihn.

Ihre Aufgabe: Sie nehmen Kinder bei sich auf, deren Eltern sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht selbst kümmern können. Oft haben diese Kinder schon einen weiten Weg durch Einrichtungen der Jugendhilfe hinter sich oder benötigen familienähnliche Rahmenbedingungen, um geschützt und in Ruhe „groß zu werden“. Vor zwei Jahren entschloss sich der Pädagoge zu dem Schritt, Kinder professionell bei sich zu Hause zu betreuen. Vorher arbeitete er lange Zeit in einer heilpädagogischen Einrichtung in der Krisenintervention und später individualpädagogisch in einer 24-Stunden Betreuung für besonders „schwierige“ Jugendliche. „Die 24-Stunden-Betreuung war eine tolle Erfahrung aber aufgrund meiner häufigen Abwesenheit litt das Familienleben“, berichtet er. Als seine Tochter in der Kita erzählte, dass ihr Vater nicht mehr bei ihr lebt, zog er die Reißleine: Es musste sich etwas ändern. „Durch den Kontakt zu einer ehemaligen Arbeitskollegin hatte ich die Möglichkeit, in ein Haus zu ziehen, für das bereits eine Betriebserlaubnis für eine Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft vorlag. Schon Jahre zuvor hatte ich außerdem Kontakt zur Outlaw gGmbH, welche die Möglichkeit bietet, als Kooperationspartner zu arbeiten.“

Nach reiflicher Überlegung mit seiner Frau, der gemeinsamen Tochter und den beiden Kindern, die Nina Haller aus erster Ehe mitbrachte, fasste die Familie den Entschluss, das Familienleben zum Beruf zu machen und Kinder bei sich aufzunehmen. „Wir haben ein gutes Auge darauf, was wir unserer gemeinsamen Tochter und meinen beiden Kindern zumuten können und wollen“, so Nina Haller. „Weil unsere Tochter mit sieben Jahren noch recht jung ist war klar, dass wir z. B. keine Jugendlichen aufnehmen können, die eine Neigung haben, übergriffig zu werden.“ Nachdem die Familie Kontakt zu Outlaw aufgenommen hatte, gab es erste Gespräche und schließlich ein Kennlern-Treffen mit den beiden Jungen und deren Mutter. Die Kinder waren zu dem Zeitpunkt in einer Inobhutnahme-Einrichtung und sollten nun mit Zustimmung der Mutter, die das volle Sorgerecht hat, in einer familienanalogen Umgebung untergebracht werden.  Nach dem Einzug durchlief die Familie eine schwierige Phase, denn für die beiden Kinder war diese Veränderung natürlich ein einschneidendes Erlebnis. Wutanfälle und Aggression waren an der Tagesordnung, die Jungen testeten Grenzen und benötigten Zeit, um Vertrauen aufzubauen und sich sicher zu werden, dass ihre Bezugspersonen ihnen Verlässlichkeit bieten.

Als erfahrenem Pädagogen war für Andreas Haller aber klar: Diese erste anstrengende Zeit kostet zwar viel Energie, doch konsequent dabei zu bleiben, zahlt sich aus. „In unserem Zusammenleben ist Wertschätzung und Respekt voreinander besonders wichtig. Schwierige Situationen meistern wir oft mit Humor, aber auch, indem ich den Kindern ihr Verhalten spiegele und wir darüber reden. Mittlerweile leben die Kinder seit rund zwei Jahren bei uns und sind gut in die Familie hineingewachsen.“ „Ich hatte anfangs keine Vorstellung davon, was da genau auf uns zukommt, habe mich aber entschlossen die Entscheidung meines Mannes mitzutragen.“, so Nina Haller. „Heute bin ich sehr froh, dass ich mich darauf eingelassen habe. Unser Familienleben ist gleichzeitig unser Beruf. Wir genießen es, uns auszutauschen und fachlich zu diskutieren. Auch kleine Auszeiten sind möglich, z. B. wenn die Kinder in der Schule oder bei ihrer leiblichen Mutter sind oder wenn wir uns abwechselnd mit Freunden treffen.“

Um den Kindern noch mehr Kontinuität bieten zu können, absolviert Nina Haller derzeit eine Praxisintegrierte Ausbildung zur Erzieherin – zweimal pro Woche besucht sie die Schule, an den anderen drei Tagen arbeitet sie zu Hause, gemeinsam mit ihrem Mann, der auch ihr Ausbilder ist. Fachberaterin Melanie Ortkras von Outlaw fungiert als Praxisanleiterin. „Mir war diese Ausbildung sehr wichtig, denn so kann ich meinen Mann fachlich unterstützen und ihn außerdem vertreten, wenn er einmal ausfallen sollte. Für die Kinder ist das eine zusätzliche Sicherheit, denn in diesem Fall können sie so trotzdem bei uns bleiben. Da unsere Arbeit in unserem Privatleben stattfindet, fühlt sie sich auch nicht nach Arbeit an.“

Die beiden Jungs fühlen sich in ihrem „etwas anderen“ Zuhause rundum wohl. Sie verstehen sich gut mit ihren neu hinzugewonnenen „Geschwistern“ und auch im familiären Umfeld gehören sie voll dazu: Zu Weihnachten, Geburtstag und zu Ostern gibt es Geschenke von den „Großeltern“ und Highlight ist, wenn Nina Hallers Neffe zu Besuch kommt, mit dem sie sehr gerne und ausgiebig spielen. Auch im gemeinsamen Urlaub sind die Kinder mit von der Partie. „Klar ist sowohl uns als auch den Kindern, dass wir kein Ersatz für die leibliche Mutter sind“, berichtet Andreas Haller. „Wir tauschen uns regelmäßig mit ihr aus und unterstützen den Kontakt. Dabei kann es natürlich sein, dass die Kinder irgendwann in die Herkunftsfamilie zurückgeführt werden.“ „Ich wünsche mir für die Jungs, dass sie noch lange bei uns bleiben können, um Kontinuität zu erfahren“, so Nina Haller. „Wir unterstützen sie darin, eigenständige und selbstbewusste Menschen zu werden und möchten sie gut auf ihr späteres Erwachsenenleben vorbereiten. Darin haben wir beide unseren Traumjob gefunden.“