v.l.n.r.: Philipp Stewart (ver.di), Sandra Krümpel (Outlaw), Stephan Osterhage-Klingler (GEW NRW), Tine Wright (educcare), Prof. Dr. Timm Albers (Universität Paderborn), Marcus Bracht (educcare), Marek Körner (Fröbel), Dominik Matzantke (Fröbel), Ursula Holtmann-Schnieder (Landesjugendhilfeausschuss), Ute Jansen (Outlaw), Vera Hopp (VKJ)

„Die Kita kann es!“ Kurswechsel beim Kinderbildungsgesetz und den ABC-Klassen? Kita-Bündnis NRW lädt zum fachpolitischen Dialog ein

Einen neuen Bildungsstart für NRW forderte heute das Kita-Bündnis NRW der freien Träger in Düsseldorf. Im DGB-Haus kamen Experten aus Kita-Praxis, Trägern, Gewerkschaften und Elternvertretungen mit den fachpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Fraktionen an einen Tisch. Der Austausch zeigte: Noch ist Bewegung im politischen Prozess, und an konkreten guten Ideen mangelt es nicht.

„Wir befinden uns mitten in der entscheidenden Phase der Gesetzgebungsverfahren“, betonte Ute Jansen, Geschäftsleitung Kita bei Outlaw. „Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Entscheidungen zu treffen – für einen neuen Bildungsstart für NRW, mit starken Kitas, guten Übergängen von der Kita in die Schule und echter Bildungsgerechtigkeit von Anfang an.“

Vera Hopp, Geschäftsführerin des VKJ Ruhrgebiet e.V. betont außerden: „Auch nach Verbesserungen im Bereich der Inklusion suchen wir im Gesetzentwurf vergebens. Das ist einer der Bereiche, der die pädagogischen Fachkräfte dauerhaft belastet und den die Regierungsparteien gar nicht im Blick haben.“

Die freien Träger warnten vor einer bildungspolitischen Fehlsteuerung und schlugen vor: In einer möglichen Pilotphase könnten sich die geplanten „ABC-Klassen“ gezielt an Kinder richten, die bislang keine Kita besuchen und daher einen besonderen Förderbedarf aufweisen. So könne man Förderlücken gezielt schließen und zugleich vermeiden, die bestehenden Strukturen an Kitas zu schwächen. „NRW braucht einen echten Richtungswechsel“, sagte Fröbel-Bereichsleiter Marek Körner als Sprecher des Bündnis der freien Träger. „Wirksame Sprachbildung wird nicht gelingen, wenn man Kita-Kinder zwei Mal pro Woche für zwei Stunden zum Lernen in die Schule bringt. Stattdessen muss Sprachbildung in der Kita datenbasiert weiterentwickelt und pädagogische Fachkräfte intensiv geschult werden.“

Der familienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Dennis Maelzer stimmte dem zu und befürchtete: „Die Idee der ABC-Klassen an Schulen sind ein Schnellschuss kurz vor Wahl. Die dafür benötigten 250 Millionen Euro wären deutlich besser bei den Kitas aufgebhoben.“

„Wir sollten von den ABC-Klassen Abstand nehmen“, betonte auch Yvonne Gebauer, familienpolitische Sprecherin der FDP. Sie könne sie nicht erkennen, dass die Bildungskette bei diesem Thema gemeinsam gedacht wird. Es habe hier keine Zusammenarbeit der Ministerien für Schule und Familie gegeben.

Beim Kinderbildungsgesetz verteidigte der familienpolitische Sprecher der CDU, Jens Kamieth, die Idee der Kern- und Randzeiten als eine aufgrund des Fachkräftemangels „aktuell pragmatische Lösung. Mit Blick auf die sinkenden Kinderzahlen könne er sich aber gut vorstellen, „dass das Modell der Kern- und Randzeiten dann nicht bis in alle Ewigkeiten mehr gilt.“ Die entstehende demographische Rendite solle aber im System bleiben und in die Sprachförderung in Kitas investiert werden, so Lena Zingsheim-Zobel, Sprecherin für Schule und Bildung von MdL BÜNDNIS 90/GRÜNE.

Wie kann ein guter Bildungsstart für alle Kinder gelingen? Einen zentralen fachlichen Impuls setzte der Bildungsforscher Prof. Dr. Timm Albers (Universität Paderborn): „Sprachbildung gelingt dort, wo Kinder sind – im Alltag, in Beziehungen, von Anfang an. Die Kita kann das! Wir müssen ihr mehr zutrauen und sie entsprechend stärken, gerade bei der Prozessqualität.“

Während der KiBiz-Entwurf zentrale Qualitätsfragen offenlässt, werden mit den „ABC-Klassen“ neue, kostenintensive Strukturen geschaffen, sagte Stephan Osterhage-Klingler, stellvertretender Vorsitzender der GEW NRW: „So werden wir den Anforderungen an ein zukunftsfähiges System frühkindlicher Bildung nicht gerecht. Daran ändern auch die vorgestellten Korrekturen am Gesetzentwurf nichts. Diese gehen zwar in die richtige Richtung, machen aus einem schlechten Gesetz aber noch kein gutes. Gerade die Aufteilung in Kern- und Randzeiten verschärft Ungleichheiten weiter, statt sie abzubauen. Bildung ist ein ganzheitliches Angebot – sie darf nicht in Zeitfenster zerlegt werden.“

Die angekündigte Personalverordnung werde zeigen, wie ernst es der Politik mit Qualität wirklich ist, so Philipp Stewart, ver.di Landesbezirk NRW. „Wenn der Fachkräftebegriff weiter aufgeweicht wird, droht eine schleichende Deprofessionalisierung des gesamten Systems. Das würde den Fachkräftemangel nicht lösen, sondern weiter verschärfen – und geht am Ende zulasten der Kinder und der Beschäftigten.“

Daniela Heimann, Vorsitzende des Landeselternbeirats NRW: „Wir wollen Vereinbarkeit von Familie und Beruf – aber nicht um jeden Preis. Qualität darf nicht gegen Stabilität ausgespielt werden! Weder Kern- und Randzeiten noch die ABC-Klassen lösen dieses Spannungsfeld überzeugend.“

Auch aus Sicht der öffentlichen Jugendhilfe fiel die Kritik deutlich aus. Ursula Holtmann-Schnieder verwies als ehemalige Vorsitzende des Landesjugendhilfeausschusses darauf, dass der Ausschuss einen interfraktionell von CDU, SPD, Bündnis 90/Grüne, FDP und Die Linke eingebrachten Antrag einstimmig beschlossen und sich damit deutlich auch gegen die Einführung von Kern- und Randzeiten ausgesprochen habe. Leitet die Landesregierung hier eine fachliche Wende ein?

Stimmen aus der Praxis

Sandra Krümpel, Fachbereichsleitung bei Outlaw, betont:  „Das neue KiBiz sollte entlasten. Tatsächlich drohen mehr Bürokratie, mehr Spannungen im System und ein spürbarer Qualitätsverlust. Auch aus Kinderschutzperspektive ist das kritisch: mehr Wechsel, mehr Druck im Team und unklare Zuständigkeiten erhöhen die Risiken im Alltag.“

Tine Wright, Fachberatung Inklusion, educcare Kinderbildungstagesstätten erklärt außerdem: „Inklusion braucht Zeit, stabile Beziehungen und gut qualifiziertes Personal. Genau das wird durch Kern- und Randzeiten unter Druck gesetzt.“

Das Kita-Bündnis NRW fordert von der NRW-Landesregierung: ein klares Bekenntnis zur ganzheitlichen Bildung in der Kita, eine auskömmliche Finanzierung und einen spürbaren Bürokratieabbau, verbindliche Rahmenbedingungen für Inklusion und einen Verzicht auf ABC-Klassen zugunsten einer Stärkung der Kitas.

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