"Demokratie lebt vom Mitmachen": Demokratiedialog des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen

Es gibt Veranstaltungen, die wirken wie ein Seismograf. Nicht laut, nicht schrill, aber präzise. Der Demokratiedialog des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen war genauso ein Moment. Ein Tag, an dem sich zeigte, wie fragil Demokratie sein kann – und wie viel Kraft in ihr steckt, wenn Menschen sie ernst nehmen. Ich war als Gästin vor Ort – Ulrike Feierabend, Leitung Marketing und Kommunikation bei der Outlaw gGmbH – und beobachtete, wie sich in Gesprächen, Vorträgen und stillen Momenten ein Bild formte, das über diesen Tag hinausreicht.

Ein Weckruf ohne Pathos
Barbara Otte-Kinast, Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags und Kerstin Tack, die Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen begrüßten die anwesenden Teilnehmer:innen und würdigten „die Bereitschaft zur Demokratie“ aller Anwesenden sowie der Organisationen, die sie vertraten.

Danach betrat Dr. Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands die Bühne. Er tat dies ohne große Gesten. Er brauchte sie nicht. Seine Keynote war ein inhaltliches und emotionales Plädoyer – und gerade deshalb so eindringlich.

Demokratie, sagte er, sei kein Zustand, sondern ein Verhalten. Eine Praxis. Etwas, das man tut. Besonders in Zeiten, in denen Radikalisierung und Politikmüdigkeit nicht mehr Randphänomene sind, sondern Alltag. Als Politikwissenschaftler formulierte er es unmissverständlich: Wer demokratische Werte nicht verteidigt, verliert sie.

Die Würde jedes Menschen, die Gültigkeit der Menschenrechte, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – das seien keine abstrakten Prinzipien. Es seien Handlungsaufträge. Und für Menschen, die in der sozialen Wohlfahrt arbeiten, seien sie unverhandelbar.

Es war kein Alarmismus. Eher eine Erinnerung daran, dass Demokratie nicht scheitert, weil ihre Gegner zu stark sind, sondern weil ihre Freund:innen zu leise werden.

Einsamkeit als politischer Faktor
Dann wurde es empirisch. Dr. Anja Langness von der Bertelsmann Stiftung präsentierte eine Studie, die einen Nerv traf. Sie zeigt, wie eng soziale und emotionale Einsamkeit mit politischem Rückzug verknüpft sind – besonders bei jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren.

Die Zahlen bestätigen einen einfachen Zusammenhang: Wer sich nicht zugehörig fühlt, beteiligt sich nicht. Wer keine Verbundenheit erlebt, glaubt nicht an Gestaltungsmöglichkeiten.
Wer allein bleibt, schweigt. Es ist eine stille Entwicklung, aber eine folgenreiche. Denn Demokratie lebt nicht von Zustimmung, sondern von Beteiligung. Und Beteiligung entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen und wo sie erfahren, dass ihr Engagement eine Wirksamkeit erzielt.

Acht Menschen, eine Frage
In der Podiumsrunde, moderiert von Jens Starkebaum, wurde diese Erkenntnis weitergedreht. Sieben Expert:innen aus Praxis, Wissenschaft, Sport, der Medien- und Unternehmenswelt diskutierten darüber, wie demokratische Teilhabe wieder wachsen kann.

Es ging um Räume – physische wie digitale. Um Sprache – wer spricht, wer wird gehört. Um Mut – den Mut, Konflikte auszuhalten, statt sie zu vermeiden. Und um Vorbilder. Welche Mittel hat Demokratie, wenn sie von Persönlichkeiten in Vorbildfunktionen verraten wird? Wie kann Demokratie in Institutionen durch Regelstrukturen gesichert werden?

Und immer wieder um die gleiche Frage: Wie schaffen wir Orte, an denen Menschen sich trauen, Teil der Demokratie zu sein?

Die Antworten waren vielfältig, manchmal widersprüchlich, aber immer getragen von der Überzeugung, dass Demokratie nicht im Parlament beginnt, sondern im Alltag. In Jugendzentren, in Beratungsstellen, in Gesprächen, die nicht geführt werden müssen, aber geführt werden sollten.

Was bleibt
Vielleicht war das die wichtigste Erkenntnis dieses Fachtags: Demokratie ist kein großes Wort. Sie ist ein wirksames Handeln. Sie entsteht, wenn jemand zuhört. Wenn jemand widerspricht. Wenn jemand bleibt, obwohl es anstrengend wird.

Was bleibt, am Ende dieses Fachtages – ein persönliches Fazit
Als ich die Veranstaltung verlasse, trage ich mehr mit mir als ein paar Notizen und Zitate. Es sind Gedanken, die nachhallen. Impulse, die sich nicht sofort sortieren lassen. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen. Demokratie beginnt selten mit Gewissheiten – viel häufiger mit Irritationen.

Auf dem Weg nach draußen denke ich an Jürgen Habermas – auch weil er am 14.03.26, Samstag verstorben ist und ich viele seiner Leitsätze zur Kommunikation verteidige, z.B. die Idee, dass Demokratie nicht zuerst ein politisches System ist, sondern ein Gespräch. Ein Raum, in dem Menschen sich begegnen, argumentieren, zuhören, „resonieren“. Ein Raum, der nur existiert, wenn wir ihn immer wieder neu herstellen.

Habermas beschreibt Öffentlichkeit als einen Ort, an dem sich Gesellschaft selbst versteht. Und plötzlich wirkt dieser Fachtag wie ein kleines Modell davon: Menschen, die sich austauschen, die ringen, die versuchen, die Welt ein Stück klarer zu sehen. Keine perfekte Bühne, kein harmonisches Einverständnis – aber ein Anfang.

Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den ich mitnehme: Demokratie zeigt sich nicht in großen Reden, sondern in öffentlichen Diskursen, die wir führen, obwohl sie anstrengend sind. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, sich einzubringen. In der Fähigkeit, andere Perspektiven auszuhalten. In dem Mut, sich nicht zurückzuziehen, wenn die Welt kompliziert wird.

Und während ich die Tür hinter mir schließe, wird mir bewusst: Diese Form von Kommunikation – offen, streitbar, respektvoll – ist kein Luxus. Sie ist das Fundament. Ohne sie bleibt Demokratie ein Wort. Mit ihr wird sie lebendig. Vielleicht ist das der eigentliche Auftrag dieses Tages: Räume zu schaffen, in denen wir miteinander sprechen können. Und Räume zu verteidigen, in denen wir es noch dürfen. Der Rest beginnt dort, wo wir bereit sind, weiterzureden.

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