Weltmädchentag 2026: So fördert das Mädchenhauses mia die Selbstbestimmung junger Frauen
Der internationale Weltmädchentag macht weltweit auf die Benachteiligung von Mädchen aufmerksam – beim Zugang zu Bildung, durch Zwangsehen, geschlechtsspezifische Gewalt, Diskriminierung und unbezahlter Care-Arbeit. Der Aktionstag findet dieses Jahr am 11. Oktober statt und soll die Rechte und Stärken von Mädchen in den Fokus rücken. Dabei geht es auch darum, Barrieren abzubauen, Chancengleichheit zu fördern und jungen Frauen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.
In der stationären Jugendhilfe bedeutet dies mehr als nur Betreuung: Es geht um die gezielte Förderung von Selbstbestimmung und die aktive Überwindung von Barrieren. Im Interview spricht Ivana Gusatovic, Teamleiterin vom Outlaw-Mädchenhaus mia in Münster, darüber, wie ein geschützter Raum – ein sogenannter „Safe Space“ – funktioniert, warum echte Partizipation die Basis für Selbstwirksamkeit ist und welche entscheidende Rolle starke weibliche Vorbilder bei der persönlichen Entwicklung spielen.
Der Weltmädchentag erinnert uns an die spezifischen Rechte und Bedürfnisse von Mädchen weltweit. Wie schaffen eure Wohngruppen in der Praxis einen ‚Safe Space‘, in dem junge Frauen ihre Rechte erleben und eine Form von Sicherheit finden, die sie vielleicht bisher nicht kannten?
Ivana Gusatovic: Ein ‚Safe Space‘ bedeutet für uns vor allem eines: Ein Ort, an dem die Mädchen nicht mehr „funktionieren“ müssen, sondern einfach sein dürfen. Viele unserer Bewohnerinnen kommen mit Erfahrungen zu uns, in denen ihre Grenzen nicht respektiert wurden oder ihre Bedürfnisse zweitrangig waren. Sicherheit schaffen wir in der Praxis durch Beständigkeit und echte Beziehungsarbeit. Wenn die Mädchen merken, dass wir sie bedingungslos wahrnehmen, ihre Emotionen aushalten und sie in ihrem Tempo begleiten, entsteht dieses Gefühl von Sicherheit.
Wir schaffen einen Raum, in dem sie lernen, dass ihre Stimme zählt und dass ein ‚Nein‘ respektiert wird – das ist die erste und wichtigste Erfahrung ihrer eigenen Rechte. Diese erleben sie bei uns ganz konkret auch durch Mitbestimmung und Partizipation, indem wir die Mädchen konsequent in die Gestaltung ihres Alltags einbeziehen. So fördern wir ihre Selbstwirksamkeit und unterstützen sie dabei, ihre eigenen Bedürfnisse klar zu artikulieren und ihre Grenzen selbstbewusst zu setzen.
Ein Kernziel des Weltmädchentags ist das Empowerment – also die Befähigung von Mädchen, ihr Leben selbst zu gestalten. Wie nutzt ihr die geschützte Atmosphäre der Mädchen-WG, um die jungen Frauen darin zu bestärken, ihre eigenen Stärken zu entdecken und mutig ihre eigenen Wege zu gehen?
Ivana Gusatovic: Empowerment heißt für uns, den Rücken der Mädchen so zu stärken, dass sie den Mut finden, ihre ganz eigenen Schritte zu gehen. Wir gestalten die WG als einen Raum, in dem Ausprobieren im Vordergrund steht und Fehler nicht als Problem, sondern als wertvolle Lernmomente begriffen werden. Das nimmt die Angst vor dem Scheitern und lässt die jungen Frauen Dinge wagen, die sie sich vorher nie zugetraut hätten.
Gemeinsam suchen wir nach ihren individuellen Stärken und inneren Ressourcen, um diese mutig zu nutzen. Im Kern ist es ein Weg des Vertrauens: Wir schenken ihnen unser Vertrauen, bis sie es schließlich selbst für sich spüren und an ihre eigenen Fähigkeiten glauben. Wenn wir dann erleben, wie eine junge Frau ihre eigenen Ziele formuliert und entschlossen ihren Weg einschlägt, wissen wir, dass unser geschützter Raum genau die Wirkung entfaltet hat, die wir uns wünschen.
Am Weltmädchentag geht es oft darum, Vorbilder zu schaffen und Zukunftschancen zu eröffnen. Warum ist es aus eurer Sicht so entscheidend, dass die Mädchen in dieser Phase starke weibliche Bezugspersonen an ihrer Seite haben, die ihnen zeigen, dass ein selbstbestimmtes Leben möglich ist?
Ivana Gusatovic: In unserem Haus setzen wir durch unsere unterschiedlichen weiblichen Fachkräfte eine vielfältige Form von weiblicher Stärke entgegen: Wir zeigen, dass Stärke sowohl in der Fürsorge als auch in der Durchsetzungsfähigkeit liegen kann. Wir sind für die Mädchen Beispiele dafür, dass man Grenzen setzen kann, eine eigene Meinung haben darf und sein Leben aktiv gestalten kann. Indem wir ein selbstbestimmtes und reflektiertes Leben vorleben, erweitern wir ihren Horizont und geben ihnen die Erlaubnis, ihre eigenen Ambitionen und Wünsche ohne Scham zu verfolgen.
Dabei begleiten und unterstützen wir alle unsere Jugendlichen in ihren ganz individuellen Entscheidungen und ihrer persönlichen Entwicklung. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man über Selbstbestimmung nur liest oder ob man sie im Alltag durch die Menschen erlebt, die einen begleiten. Wir begleiten sie dabei, die Person zu werden, die sie sein möchten, und zeigen ihnen, dass die Welt ihnen offensteht.
Unser Haus trägt zwar den Namen ‚Mädchenhaus‘, aber innerhalb dieses Rahmens hat jede:r den Platz, so zu sein, wie die Person möchte. Wenn Jugendliche zu uns kommen, die sich nicht als weiblich definieren, begleiten wir sie ohne Vorurteile auf ihrem Weg. Es geht uns nicht darum, Identitäten vorzugeben, sondern einen sicheren Raum zu bieten, in dem die Jugendlichen ihre eigene Identität in ihrem eigenen Tempo entdecken dürfen.
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