WG Bischofsweg gewinnt Hartmut Mann Preis – ein Abend, der zeigt, wie Beteiligung wirklich aussieht

Die WG Bischofsweg in Dresden ist mit dem zweiten Preis der erstmals vergebenen Hartmut Mann-Auszeichnung für beteiligungsorientierte Jugendhilfe geehrt worden. Vier Bewohnerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren nahmen gemeinsam mit ihren Pädagoginnen die Auszeichnung entgegen – die Jury fasste die Begründung im Moment der Übergabe mit diesem Satz zusammen: „Ihr lebt echte Beteiligung.“

Ein Preis, der Haltung sichtbar macht

Der Hartmut Mann Preis erinnert an den 2024 verstorbenen Sozialpädagogen Hartmut Mann, der über zwei Jahrzehnte die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen prägte. Sein zentrales Anliegen: junge Menschen in stationären Hilfen nicht nur mitzunehmen, sondern ihnen echte Mitbestimmung zu ermöglichen. Die Auszeichnung würdigt daher Projekte, in denen Beteiligung nicht als pädagogische Kür, sondern als Grundhaltung gelebt wird.

Aus ganz Sachsen hatten sich 14 Projekte beworben – Wohngruppen, Kinderheime, Selbstvertretungsinitiativen. Die Jury tagte insgesamt 985 Minuten, diskutierte, rang, wog ab. Dass die WG Bischofsweg am Ende auf dem Treppchen landete, lag an einer Bewerbung, die Beteiligung nicht als Methode beschreibt, sondern als Selbstverständlichkeit: gemeinsame Regelverhandlungen, frei wählbare Vertrauenspersonen, transparente Beschwerdewege, regelmäßige Aufklärung über Kinderrechte, v.a. Rechte im Hilfeplanverfahren, Wahl von Gruppensprecher:innen, Beteiligung an Freizeitangeboten und Ferienfahrt, Raumgestaltung durch die Jugendlichen. Und: der Mut, Dinge auszuprobieren – auch wenn sie scheitern könnten.

Ein Abend zwischen Punkrock und politischem Grußwort

Das Projekttheater Dresden war an diesem 16. April bis auf den letzten Platz gefüllt, einige Gäste saßen auf den Treppen. Die Moderatorin eröffnete mit einem Satz, der die Bedeutung des Abends klar machte: „Ihr seid die Allerallerwichtigsten!“

Zwischen Knabbereien, Himbeerbrause und der Punkrockband „Kot Piloten“ wurde Hartmut Mann von Wegbegleiterinnen als „krasser Typ“ mit „ausstrahlender Ruhe“ gewürdigt. Ein digitales Grußwort des Landtagspräsidenten Alexander Dierks folgte, dann die Vorstellung der Jury und der Bewerberprojekte.

Als die WG Bischofsweg aufgerufen wurde, war die Überraschung groß – zumindest bei den Erwachsenen. Eine der Jugendlichen aus der WG Bischofsweg kommentierte voller Freude: „Es war crazy – ich habe gewusst, dass wir das gewinnen.“

Warum die WG überzeugte

Die Jury hob besonders hervor:

•    Beteiligung als gelebte Haltung

•    konsequente Orientierung an Kinderrechten

•    prozesshafte Weiterentwicklung

•    regelmäßige Zufriedenheitsbefragungen

•    Mut zum Experimentieren

•    und die Frage, die alles trägt: Wie können wir beteiligen?

Die 500 Euro Preisgeld wollen die Mädchen für eine gemeinsame Auszeit in einer Therme nutzen. Wo Pokal und Urkunde künftig in der WG stehen werden, entscheiden sie selbst.

Die Pädagoginnen zeigten sich bewegt. Emily Perthen sagte: „Für uns und die Mädchen ist dieser Preis gemeinschaftsstärkend.“ 

Und Marlen Prescher ergänzte: „Beteiligung ist für uns keine Momentaufnahme, kein werbeträchtiges Event, sondern Grundstandard, innere Haltung und Überzeugung.“

Ein Preis, der Mut macht

Der erste Preis ging an den Kinder- und Jugendbeirat der „Tannenmühle“ im Vogtlandkreis. Ein Sonderpreis würdigte zwei Mädchen aus Bautzen, die ihre Jugendhilfe-Geschichte öffentlich gemacht hatten – ein Akt von bemerkenswertem Mut.

Am Ende dieses Abends im Projekttheater stand ein Gruppenfoto, das mehr zeigt als strahlende Gesichter: Es zeigt eine Jugendhilfe, die sich nicht über Defizite definiert, sondern über das, was gelingt. Und über junge Menschen, die sich trauen, ihre Stimme zu erheben – weil Erwachsene ihnen zuhören.

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